29 Apr

Tinnitus und Hörgeräte

Hörsysteme sind sinnvoll bei Tinnitus

Hörgeräte sind nach meiner Erfahrung bei Tinnitus insbesondere dann sinnvoll, wenn der betroffenene Mensch gleichzeitig schwerhörig ist- auch wenn es nur leichtgradig sein mag. Der Einsatz von Hörsystemen bei Tinnitus und Hörverlust wird auch in der entsprechenden Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie empfohlen. Meist kommt es beim Tinnitusbetroffenen nicht nur zu einer Verbesserung der Hörfähigkeit und dem anstrengungsfreieren Verstehen, sondern durch das bessere Hören der Umgebung auch zu einer positiven Beeinflussung des Tinnitus durch das Hörgerät.

Ein besseres Verstehen und Unterscheiden der von außen kommenden Geräusche lenkt vermehrt die Aufmerksamkeit vom inneren Ton des Tinnitus ab. Leider gibt es noch keine Studie zu diesem Thema.

Tinnitus erschwert eine stressfreie Kommunikation

Der Einsatz von technischen Hilfsmitteln, die das Hörvermögen von Patienten mit Tinnitus verbessern, ist von großer Relevanz für die eigene Lebensqualität. Sprache ist allgemein das Kommunikationsmittel.

Gerade Tinnitusbetroffene, die gleichzeitig schwerhörig sind (laut Studien über 80%) bewältigen die alltägliche Kommunikation eher unter Schwierigkeiten. Die damit verbundene zunehmende Höranstrengung (Hörstress) kann ein wichtiger Faktor sein, der dann eine Verstärkung von Ohrgeräuschennach sich ziehen kann.

Verunsicherungen in sozialen Kontakten führen zum Rückzug

Durch Verunsicherungen und Misserfolge in Gesprächs-Situationen kommt es eher zum Rückzug von sozialen Kontakten und Gruppensituationen. Die Betroffenen fühlen sich oft sozial isoliert und in der Folge treten vermehrt körperliche und seelische Erkrankungen auf. Durch eine Anpassung von Hörgeräten wird Sprachverständnis und damit die Kommunikationsfähigkeit entscheidend verbessert und stressfreier.

Leider habe ich selbst erst sehr spät zu Hörgeräten gegriffen, weil die vorgenannten Zusammenhänge in den 80er Jahren noch nicht bekannt waren. Das Wissen darum, dass eine Verbesserung des Hörvermögens den Leidensdruck von Tinnitus deutlich erleichtern kann, ist erst seit relativ kurzer Zeit bekannt. Das Wissen hätte mir und meiner Familie viel Leid und Probleme ersparen können.

Welchen Einfluss haben Tinnitus und Co auf das soziale Dasein?

Das Trio infernal aus Tinnitus, Hyperakusis und Schwerhörigkeit verändert Sprachverstehen und den Umgang mit den Emotionen (Hochton-Tinnitus im Bereich von 2.000 – 6.000 Hz. In dem Bereich werden gleichzeitig die Emotionen in den Obertönen übermittelt), erzeugen Stress und halten den Stresspegel hoch, machen überempfindlich und leichter verletzbar, um nur einige Punkte aus meiner über 25jährigen „Tinnitus-Karriere“ zu benennen.

Selbst bei nur leichter zusätzlicher Schwerhörigkeit wären Hörgeräte ein erster Schritt in mehr Normalität. Nur werden diese aber erst bei mehr als 30dB Hörverlust durch die gesetzlichen Krankenkassen bezuschußt. Ich weiß von vielen Tinnitusbetroffenen mit leichter Schwerhörigkeit, dass ihnen die Hörsysteme den Umgang mit den Dauerton im Ohr deutlich erleichtert haben.
Wie sind Ihre/Eure Erfahrungen in dieser Hinsicht? Wir würden uns über ein Feedback freuen, gern auch anonym!

17 Mrz

Tinnitus und Partnerschaft … wer leidet mehr?

Das Thema „Tinnitus und Partnerschaft“ ist teilweise ein persönliches Thema, welches von vielen Tinnitus-Betroffenen oder auch sonst hörgeschädigten Menschen nur ungern berührt wird, weil es  den Bereich der eigenen Emotionen und Befindlichkeiten berührt. Und wer von uns „Schlappohren“ und/oder „Tinnitussis“ danach im Internet forschen möchte, wird da nicht allzuviel finden.

Das Thema steht auch im Zusammenhang mit anderen Bereichen der von Einschränkungen von Hörschädigungen allgemein, wie zum Beispiel in der Kommunikation oder im Bereich der Emotionen allgemein. Für mich ist der Schwerpunkt der Behinderung eher der soziale Bereich, der mit dieser doppelten Belastung immer mit Anstrengungen verbunden sein wird und sich je nach Umfeld als deutliche kommunikative Einschränkung darstellt. Weiterhin wird von führenden Tinnitus-Wissenschaftler häufig davon ausgegangen, das ein Grossteil der Tinnitus-Betroffenen gleichzeitig auch mehr oder weniger schwerhörig ist.

Vorgeschichte

Bei einer der jährlichen Fortbildungsveranstaltungen für Ehrenamtliche  der Deutschen Tinnitus-Liga (DTL) in Königswinter wurde ich von mehreren Partnern/innen von Betroffenen angesprochen, ob in der Liga auch einmal etwas für die Partner der Betroffenen gemacht werden würde. Diese seien schließlich genauso durch Tinnitus und Co. ihres jeweiligen Partners belastet. Und das gar nicht mal so wenig.

Spontan hatte ich mich dazu entschieden, zusammen mit meiner Frau Workshops zum Thema Tinnitus und Partnerschaft anzubieten. „Mein“ Tinnitus ist schließlich für uns etwas, das uns mehr als 30 Jahren begleitet. Zwar steht der Tinnitus bei mir nicht mehr so im Mittelpunkt wie früher, aber mit der sich doch verschlechternden Hörfähigkeit wird die gegenseitige Achtsamkeit, Toleranz und Geduld manchmal bei uns beiden bis über die Grenzen strapaziert.

 

Die subjektive Wahrnehmungsfähigkeit bei Tinnitus

„Tinnitus und Partnerschaft“ hat immer etwas mit der eigenen subjektiven Wahrnehmung zu tun. Dann ist es gut zu wissen, dass die Qualität der Wahrnehmungsfähigkeit vom eigenen Wohlbefinden abhängt. Der eigene Gesundheitszustand und das „well-being“ ist nach Daniel J. Siegel, einem amerikanischen Psychiater, Psychologen und Begründer der „Interpersonellen Neurobiologie“ von der Qualität zwischenmenschlicher Beziehung abhängig. Diese besondere Qualität fördert die emotionale Langlebigkeit und hilft uns dabei, Wohlbefinden, Energie, Tatkraft und körperliche Gesundheit zu erlangen.

Aber wie ist es, wenn das „Für-wahr-nehmen“ der eigenen Situation der real doppelten Behinderung durch extremes Leistungsdenken oder andere Mechanismen verdrängt wird? Wenn der innere Kampf, das Hin- und Hergerissen-sein zwischen Verstand und Emotionen und die daraus resultierenden Enttäuschungen und Verletzungen verdrängt, runter-geschluckt und nicht ausgesprochen werden? Was ist, wenn die Erwartungen, wie das Leben sein sollte, nicht immer so eintreffen, wie es das wirkliche Leben bietet? Wenn die Wahrnehmung des täglichen Schmerzes die eigenen Gefühle, Empfindungen und Emotionen abgestumpft hat?

Die hier geschilderten Reaktionen und Verhaltensweisen auf innere Mechanismen sind natürlich subjektiv gefärbt. Wobei eine gewisse Objektivität durchaus vorhanden ist, weil meine Partnerin zwar als Nicht-Betroffene, aber trotzdem Mit-Leidende auch ein „Wörtchen mitzureden“ hatte. Wir können nur ein paar Erfahrungen herausgreifen, die aber Anlass zu einer intensiven Diskussion bieten und vielleicht auch noch einmal hervorheben wollen, dass sinnvolle therapeutische Massnahmen immer die Partner miteinbeziehen sollten.

 

Wer bekommt mehr Aufmerksamkeit, Tinnitus oder Partner?

Uns Hörgeschädigten wird alltäglich vor „Ohren geführt“, dass die zwischenmenschliche Kommunikation wesentlich über die Qualität einer sozialen Beziehung bestimmt. Die Folge daraus ist, dass kommunikative Probleme in der Regel auch Störungen der Beziehungen nach sich ziehen. Selbst Tinnitus allein kann ohne weitere Höreinschränkung zu Kommunikationsproblemen führen, wie es bereits Dr. Sven Tönnies aus Hamburg vor vielen Jahren beschrieben hatte.

Verkürzt dargestellt wird dort erklärt, dass der innere Dialog bei einem chronischen Tinnitus sich überwiegend grübelnd und besorgt mit der eigenen Person beschäftigt, eher negativ ausgerichtet und mit Angst besetzt ist, so dass das Gespräch mit Partnern fast zum Erliegen kommt. Die positiven Aspekte einer Partnerschaft werden zum Teil kaum noch wahrgenommen.

Zusätzlich kommt belastend dazu, dass im Gespräch oder in der Kommunikation unbewusst Sach- und Emotional-Ebene vertauscht werden. Auf emotionale Fragen wird mit Sachargumenten geantwortet und umgekehrt. Der „ganz normale Wahnsinn in einer Tinnitus-Beziehung“! Und so läßt sich meine Partnerin auch gar nicht mehr auf scheinbar sachlich orientierte Diskussionen ein, die von mir in Gang gesetzt wurden, wenn sie merkt, dass sich dahinter ein emotionales Problem verbirgt, das ich selbst nicht erkenne oder vor (unbewusster) Angst nicht auszusprechen wage.

 

Tinnitus-Betroffene bleiben lieber auf der sachlichen Ebene

Wenn ich zum Beispiel als überwiegend mental und sachlich orientierter Mann meiner Frau die momentane Tinnitus-Problematik in Ruhe beibringen will, stellt sie Gegenfragen: Was macht der Tinnitus jetzt mit Dir? Welche Ängste läßt er bei Dir heute hochkommen? Warum ziehst du dich in der letzten Zeit immer mehr zurück? Warum reagierst du heute so schnell getroffen oder sogar beleidigt?

Ich selbst wollte mich zu Anfang meiner „Tinnitus-Karriere“ überhaupt nicht auf solche Gespräche einlassen, weil das bei mir mit Ängsten besetzt war und das Reden darüber mich vielleicht mit Gefühlen konfrontiert hätte, die ich ein Leben lang nicht wahrhaben wollte – und so habe ich mich immer wieder verkrochen, um Problemen aus dem Weg zu gehen. Meine Partnerin fühlte sich dann irgendwann überhaupt nicht einbezogen bzw. nicht mehr verstanden. Der Beginn eines Teufels-Kreislaufes ohne Ende.

„Irgendwann entdecken die meisten Menschen jedoch, daß die Mehrzahl der beobachten Phänomene der äußeren Welt dadurch zustande kommen, dass mehrere Ereignisse in bestimmter Weise zusammenwirken. Und so gelangt jeder Mensch normalerweise irgend-wann zu der (oft schmerzlichen) Erkenntnis, daß eine bestimmte Ursache, (die er selbst ausgelöst hat), um eine bestimmte Wirkung zu erreichen, eine ganze Kettenreaktion (von ihm nicht vorgesehener Wirkungen) nach sich zieht.“(1)

 

Wie können wir uns emotional auf einen Partner ein lassen?

Und damit erwächst auch die Frage, wie weit wir „Tinnitus-Träger“ – je nach Intensität der Wahrnehmung – überhaupt in der Lage sind, uns emotional auf einen Partner einzulassen? Das Ohr ist das Tor zur Seele und zu den Gefühlen. Ähnliche Fragen habe ich schon von anderen Tinnitus-Betroffenen gehört. Wenn mir da dauernd ein Ton dazwischen pfeift, wie ist dann meine Wahrnehmungsfähigkeit von Gefühlen? Kann ich überhaupt noch richtig zuhören? Wo bleibt meine Gelassenheit und wo der Humor? Oder hat es das schon vorher nicht gegeben? Was ist, wenn durch eine ausgeprägte Hochton-Schwerhörigkeit, die die Emotionen vermittelnden hohen Töne und Oberwellen nicht gehört werden?

All das sind Fragen, die uns Tinnitus-Betroffene immer wieder beschäftigen, wir aber leider unsere Partner zu wenig miteinzubeziehen. Das wäre befreiend für die Seele und verändert die (vielleicht typische?) ego-bezogene Blickrichtung des Tinnitus-Betroffenen auf sein Umfeld. Vielleicht ergibt sich sogar ein Gespräch aus dem mir als Betroffener deutlich wird, wie auch mein Gegenüber unter dem Tinnitus leidet – oder genauer gesagt unter den Folgen meiner negativen Gedanken, depressiver Stimmungen, dem Gefühl, nicht mehr belastbar zu sein und vielleicht hoffnungsloser Zukunfts-Perspektiven. Dann kommt bei mir der Gedanke hoch, als ob wir unter Stress nur noch auf die zwei Grundgefühle reduziert werden, auf Flucht oder Angriff.

Um aus diesem „Circulus vitiosus“ herauszufinden, muß ich mich auf neue Weg der Wahrnehmungen und Empfindungen einlassen. Gerade dabei ist das Korrektiv eines Partners oder einer einer Partnerin besonders wertvoll – auch wenn es nicht immer so einfach ist, wie es klingt. Da gerate ich mit meinem Tinnitus schon an Grenzen, erlebe eigene Betroffenheit über Fehlverhalten und weiß einfach nicht mehr weiter.

„Wer nicht in seinen einmal eingefahrenen Bahnen der Wahrnehmung, der Empfindungen und der Erkenntnis stecken bleiben und seine Freiheit verlieren will, muß den schwierigen Weg wählen und versuchen, sich schrittweise auf den Stufenleitern der Wahrnehmung, der Empfindungen, der Erkenntnis und des Bewußtseins dem anzunähern, was ein menschliches Gehirn auszeichnet: die Fähigkeit, sich selbst immer wieder neu in Frage zu stellen.“(2)

 

Wahrnehmung und Wahrnehmunglenkung bei Tinnitus

Selbst wenn ich mir darüber bewusst bin, dass rational gesehen der Tinnitus lediglich nur 10 – 15 dB über der Hörschwelle liegt und nicht den gemessenen 85 – 100 dB entspricht, konnte ich gerade zu Beginn meiner „Tinnitus-Karriere“ nur langsam meine Aufmerk-samkeit auf andere und angenehmere Dinge lenken. Auch wenn ich schon recht früh erkannt hatte, dass es Momente gibt, in denen mich der Tinnitus nicht mehr so nervte. Das war für den jeweiligen Augenblick eine völlig neue Empfindung aus der inneren Welt, die mir langfristig die Möglichkeit bot, mein äußeres Weltbild der Wahrnehmungen zu verändern – in winzigen Schritten, die sich über eine lange Zeit erstrecken.

Entscheidend ist letztendlich die eigene Grundeinstellung, bzw. die gelernten positiven Erfahrungs- und Verhaltensmuster, diese verinnerlichten Muster, die die Wahrnehmungen programmieren. Wenn ich mich bewußt solcher Momente erinnere und mich darum bemühe, so etwas immer mehr in mein alltägliches Leben zu integrieren, könnte es mir auf lange Sicht gesehen besser ergehen. Das ist aber von meiner individuellen Lebens-einstellung abhängig. Wird diese durch Stress, depressiven Phasen, Ärger im Beruf oder Familie langfristig beeinflusst oder eben nur durch „den“ Tinnitus-Ton, sieht es anders aus.

„Negative Muster führen dazu, dass wir aus der Summe der Erfahrungen die negativen herausfiltern und gehäuft wahrnehmen, was wieder dieses unser negatives Muster – man könnte auch sagen: unseren Aberglauben – verstärkt. Menschen mit positiven Mustern nehmen bevorzugt Positives wahr und fühlen sich in ihrem Optimismus bestärkt. Hat sich erstmal eine positives oder negatives Grundmuster gebildet, so neigen wir dazu, es durch den Vorgang der Attributisierung auf alle Lebensbereiche zu übertragen“.(3)

Und was sagte mir erst kürzlich ein Fachmann im gleichen Kontext, dass ich wohl eher eine „problematisierende Grundhaltung“ hätte!? Na ja, hat er wohl Recht, aber wie ändern?

 

Können eingefahrene Grundmuster aus Kindheit und Erziehung geändert werden?

Ich denke, jeder weiß, wie schwierig es ist, seine eingefahrenen Gewohnheiten zu verlassen. Oft führt es mich dann erst recht in das undurchdringbare und nicht immer durchschaubare sperrige Gestrüpp der durch eigene Kurzsichtigkeit und Unachtsamkeit erzeugten inneren Blockaden, Angst vor Veränderungen und Probleme. Und wie gehen Partnerin oder Familie damit um, wenn sie erfahren müssen, dass sich in in Haltung des Betroffenen nichts bewegt, weil er Angst vor Veränderungen hat?

Wenn die Partnerin erkennt, wie sehr ich mich verrenne oder mich um „Kopf und Kragen rede“? Wenn ich immer wieder über die eigene Unachtsamkeit stolpere, mal die Brieftasche, dann den Autoschlüssel suche oder sogar eine Kamera in der Bahn liegen lasse, die dann jemand „weggefunden“ hatte? Wenn ich weiterhin oberflächlich und unachtsam mit mir selbst und mit allem, was mich umgibt, umgehe? Fühlt sich dann meine Partnerin überhaupt noch wahrgenommen, geschweige denn respektiert?

„Unsere einmal entstandenen Haltungen und Einstellungen sind uns meist ebenso wenig bewußt wie die Macht, mit der sie uns zu einer ganz bestimmten Art der Benutzung unsere Gehirns zwingen. Unachtsamkeit beispielsweise ist eine Haltung, die nicht viel Gehirn beansprucht.“ (4)

Wie kann ich überhaupt, ohne irgendeine emotionale Beziehung zu einem oder zu mehreren Menschen zu haben, die Wahrnehmung meiner inneren und äußeren Welten  in Einklang bringen, um sie zu verändern, um sinnvoll mit dem quälenden Tinnitus umzugehen, wenn ich kein spiegelndes Gegenüber habe? Wie will ich Wahrnehmung und Empfindungsfähigkeit schulen, ohne den täglichen Umgang mit einem anderen Menschen zu pflegen, insbesondere mit Menschen, denen ich mich eng und gefühlsmäßig verbunden fühle, wie die Partnerin, die Familie oder enge Freunde?

 

Tinnitus, Emotionen und Beziehung

Der emotionale Schmerz des Tinnitus (der dauernde Aufschrei der Seele?) geht auch dann tief unter die Haut, selbst wenn er in meiner bewussten Wahrnehmung teilweise (fast) nicht mehr vorhanden ist. Er treibt mich trotzdem unbewußt in die Isolation, in eine scheinbare Schmerz-Unempfindlichkeit. Der Tinnitus wird trotz aller Habituation (Gewöhnung) dennoch durch Nervenzellen registriert, die sich laut Gehirnforschung in einem Bereich befinden, der unseren emotionalen Grundzustand und unsere Lebensgefühle prägt und gleichzeitig als emotionales Zentrum für Empathie und Mitgefühl zuständig ist.

„Alles, was wir lernen, erfahren und erleben, vollzieht sich im Zusammenhang mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Zwischenmenschliche Beziehungserfahrungen und das, was sie sowohl an Emotionen als auch Lernerfahrungen mit sich bringen, werden in Nervenzell-Netzwerken im Gehirn gespeichert, indem sie neue Eindrücke und Erfahrungen aufnehmen und speichern, zugleich ihre Feinstrukturen ändern. Der Einfluss menschlicher Beziehungserfahrungen reicht in den ganzen Körper hinein. Alles, was wir geistig tun, seelisch fühlen und in Beziehungen gestalten, findet seinen Niederschlag in körperlichen Strukturen.“(5)

Verändern Tinnitus und/oder  Hörschädigung die natürliche Empathie?

Was bedeutet es, wenn diese antrainierte Intensität-Minderung dem Tinnitus gegenüber, die weiteres Leid verhindern soll, mich gleichzeitig emotional von der Partnerin entfernen läßt, weil ich nicht mehr ihre Gefühle nachvollziehen bzw. miterleben kann? Meine Frau sagt, dass ich meinen Tinnitus nicht kompensiert habe, sondern ihn lediglich verwalte! Nur wenn ich emotional offen bleibe, werden bei mir Nervenzellen im emotionalen Zentrum ins Schwingen gebracht. Ich komme in Resonanz und kann spontan die Gefühle des anderen selbst in mir wahrnehmen und nachempfinden. Das stimmt für mich zwar in der Theorie, vielleicht auch für die Praxis, aber Letzteres leider nur viel zu selten.

Warum „funktioniert“ bei mir als Tinnitus-Betroffener etwas nicht, was anderen hingegen leichter fällt? Warum können sich viele Menschen recht gut in andere hineinversetzen und ich habe Schwierigkeiten damit? Könnte das mit dem Tinnitus zusammenhängen, der ständig quer pfeift, vielleicht auch mit meiner Schwerhörigkeit ( … oder was will ich partout nicht hören?) oder ist es die jahrzehntelang geübte Praxis, Gefühle nicht zuzulassen, weil damit schmerzliche Erinnerungen verbunden sind? Was war überhaupt eher da, die anerzogene „Gefühlsarmut“ oder der Tinnitus? Und wenn ich es erlernen will, wo könnte ich es besser üben als in einer gefestigten Partnerschaft, die viele Höhen und Tiefen gemeinsam durchschritten hat.

Wie will ich die Gefühle, die Emotionen eines Gegenüber für- wahr-nehmen, wenn ich nicht einmal über die eigenen Gefühlsregungen etwas weiß, sie kaum noch spüre? Was ist, wenn uns bereits die Eltern-Generation durch verdrängte Kriegserlebnisse und schwere Traumen erfolgreich vorgelebt hat, schmerzhafte Gefühle beiseite zu schieben? Das sogenannte „Wirtschaftswunder“ der Aufbauzeit, das materielle Fußfassen nach zwei großen Kriegen hat sicherlich seinen Erfolg der unbewußten Verdrängung aller leidvollen Erfahrungen zu verdanken.

 

Tinnitus als Folge einer gelernten Verdrängung?

Unsere Eltern-, bzw. für viele schon die Großeltern-Generation, kannte kaum Tinnitus, trotz schrecklicher Kriegerlebnisse, dem Toben der lärmenden Materialschlachten bzw. den endlos überlebten Bombennächten in den Luftschutzkellern und Bunkern. Und wir wundern uns, wenn die Generation unserer Kinder/Enkelkinder sich darin übt, „cool“ aufzutreten. Oder zumindestens nach außen kaum noch Gefühle zeigt. Sie haben es nicht besser gelernt von uns oder unseren Eltern, als erfolgreich Gefühle zu verdrängen.

„Wir leben in einer Kultur, in der Schmerz und Leid permanent verleugnet und ausgegrenzt werden. Traurigkeit und Nachdenklichkeit werden im beständigen Streben nach Erfolg, Profit und Selbstbestätigung genauso als Behinderung abgelehnt wie die Konfrontation mit Krankheit, Gebrechlichkeit, Tod“.(6)

EMOTION besteht aus E = Energie und MOTION = Bewegung, wobei zunächst die Energie Bewegung erzeugt, aber auch umgekehrt. Vielleicht darf daraus geschlossen werden, dass derjenige, der sich weder geistig noch körperlich bewegt, wenig Energie besitzt. Und wo holt er sich dann seine Energie her? Aus der Familie, von der Partnerin? Diese Frage kann und muss jeder einzelne selbst be- und vor sich verantworten.

Ich führe mir zwar immer wieder vor Augen, dass die Grundlagen von den tief im Unbewußten schlummernden Gefühlen – von dem eigentlich Menschlichen – häufig in schmerzlichen Erfahrungen liegen, mit denen insbesondere unsere Generation der im letzten Krieg Geborenen mehr oder weniger während der Kindheit konfrontiert waren. Mit Erlebnissen, in denen Schmerzen über ungewollte Lieblosigkeiten, erlittene Erniedri-ungen, und ein fehlendes Einfühlungsvermögen der Eltern nicht wahrgenommen werden durfte, weil diese unsere real bedrohte und kindlich abhängige Existenz geschädigt hätte.

Das sind wirkliche gesellschaftliche Gegebenheiten, wie sie heute noch vorherrschen.
Aber gleichzeitig bietet die Beantwortung dieser Frage endlich das Maß an Betroffenheit, das es braucht, um für eine grundlegende Veränderung bereit zu sein, die den Umgang mit dem Tinnitus für sich und die Partner auf eine stabile, offene und dialogfreudige Basis stellt.

 

Einfluss von Tinnitus auf unsere Empfindungen?

Unsere Empfindungen verbinden uns mit der inneren Welt. Erst das Bewußtsein der Empfindungen und daraus resultierende Gefühle ermöglicht mir, Empfindungen und Gefühle anderer zu verstehen und sich auf deren Reaktionen und Verhaltensweisen einzustellen.

Gerade dieser Bereich ist ein wesentliches Thema für Tinnitus-Betroffene. Mittlerweile (2015) ist es klar, was vor etlichen Jahren in vielen Gesprächen mit Gleich-Betroffenen zwar die Erfahrung vieler von uns war und ist, es aber keinen wissenschaftlichen Nachweis gab. Heute weiß man, dass  Tinnitus  Einfluß auf die eigenen Emotionen nimmt. ( Scinexx 2014, ¡Wer Tinnitus hat, fühlt anders“. Siehe auch www.scinexx.de/wissen-aktuell- 17718-2014-06-27.html .

Und so auch auf die jeweilige Partnerschaft, Ehe, Familie oder jede andere Beziehung. Ohne Empfindungen keine Gefühlswahrnehmungen. Wenn ich mir das bewusst mache, werde ich auch wieder offen sein für mögliche latente leise Herzstiche, die nach Facharzt keine organische Ursache haben. Dann werde ich vielleicht spüren können, wenn sich der Magen in einem Moment der Panik verkrampft. Dann merke ich endlich, dass der gleiche Magen mit Sodbrennen reagiert – oder es ist mir nur noch lästig, und ich schlucke lieber eine Tablette.

Genauso ist m.E. der Tinnitus eine innere Empfindung. Und wenn ich mich nicht auf den Weg mache, nach dessen immateriellen Ursachen zu suchen, werde ich weiterhin mir selbst, Partnerin und Familie das Leben schwer machen. Diese Veränderung ist kein leichter Prozess, aber er kann auch erleichternd und befreiend sein, um die Spontaneität, Fröhlichkeit und Kreativität des„ inneren Kindes“ wieder zum Leben zu erwecken.
Das Thema ist noch lange nicht ausgeschöpft, und ich hoffe mit diesem Artikel viele Anstöße zu einer fruchtbaren Diskussion und möglichen weiteren Forschungsansätzen zu geben, die den partnerschaftlichen Dialog erleichtern. Damit endlich nicht mehr der Tinnitus, sondern die Partnerschaft im Mittelpunkt steht.

Wie sind Ihre Erfahrung in einer Partnerschaft mit eigenem Tinnitus und oder mit dem des Partners, um beide Seiten zu hören? Wir würden uns für ein wenig Feedback sehr freuen, gern auch anonym!

 

Quellen:

(1) Gerald Hüther, Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandehoek & Ruprecht, Göttingen, 2007, S. 113f

(2) Gerald Hüther, a.a.O., S. 120

(3) Rüdiger Opelt, Die Kinder des Tantalus, Czernin Verlag, Wien, 2. Auflage 2003, S. 13
(4) Gerald Hüther, a.a.O., S. 122
(5) Joachim Bauer, Das Gedächnis des Körpers, Piper Verlag GmbH, München, 10. Auflage 2007, S. 7f
(6) Arno Gruen, Der Kampf um die Demokratie, dtv-Verlag, München, Oktober 2004, S. 13